Auf Initiative der Sozialdemokraten will die Große Koalition das Thema Lohngefälle zwischen Frauen und Männern angehen. Studien zufolge verdienen Frauen in bestimmten Berufen bis zu 22 Prozent weniger als Männer. Mit dem geplanten Entgeltgleichheitsgesetz sollen bestehende Lohnunterschiede zumindest teilweise beseitigt werden.

In einem Gastbeitrag auf hbpa.eu skizziert Dr. Carola Reimann, stellvertretende Vorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion, die Grundzüge des geplanten Gesetzes ...

Lohntabu brechen - Lohngerechtigkeit herstellen

Warum Deutschland ein Entgeltgesetz braucht

Eine Versicherungskauffrau verdient 3.012 Euro brutto im Monat, ihr männlicher Kollege bekommt durchschnittlich 4.160, also 1.148 Euro mehr für die gleiche Tätigkeit. Das belegt die Lohnspiegeldatenbank des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI).

Damit ist die Versicherungsbranche zwar Spitzenreiter in Sachen Lohndiskriminierung von Frauen, steht aber mit dem Problem nicht allein da. Über alle Branchen und Berufe hinweg bekommen Frauen rund 22% weniger Lohn als Männer. Seit Jahren verharrt die Lohnlücke auf diesem hohen Niveau.

Wie kommt Lohnungerechtigkeit zustande?

Die Gründe sind vielfältig:

  • Frauen arbeiten häufig in niedrig entlohnten Branchen, Berufen und in kleinen Betrieben.
  • Nach Familienpausen sind Frauen vielfach in Teilzeit, was sie oft – rechtswidrig! mit schlechterem Lohn und geringeren Aufstiegs- und Karrierechancen bezahlen. Millionen von Frauen arbeiten gar in Minijobs, die meist zur beruflichen Sackgasse werden.
  • Frauen gelingt seltener der Aufstieg in die Chefetagen.
  • Generell machen geschlechtsspezifische Rollenbilder es Frauen bis heute schwerer, gleiche Chancen und gleiche Bezahlung im Beruf zu erlangen. Wenn eine Frau als weniger leistungsstark oder als „Zuverdienerin“ betrachtet wird, führt das auch zu einer anderen Bewertung ihrer Arbeit, bezogen auf die einzelne Frau wie auch in Tarifverträgen.
  • Von direkter Benachteiligung sprechen wir, wenn Frauen im gleichen Betrieb für die gleiche Tätigkeit schlicht weniger Gehalt bekommen als Männer.


Diesen vielfältigen Ursachen können wir nicht nur mit einer Maßnahme zu Leibe rücken. Notwendig ist ein ganzes Bündel von Initiativen und Regelungen.

Mindestlohn, Quote und Kitaausbau helfen

Die große Koalition hat bereits einige Impulse für Lohngerechtigkeit, Gleichstellung und Partnerschaftlichkeit gesetzt:

  • Mit dem gesetzlichen Mindestlohn wird sich die Lohnlücke ein wenig schließen. Denn von Dumpinglöhnen waren vor allem Frauen betroffen. Die Lohnuntergrenze von 8,50 Euro verhilft jetzt Millionen von Frauen zu einem besseren Einkommen.
  • Auch die gesetzliche Quote für Frauen in Führungspositionen erleichtert Frauen den Aufstieg nach ganz oben und damit auch den Zugang zu den Topgehältern. Außerdem wird die Quote in den Unternehmen zu einem Kulturwandel führen, der den Blick auf die Frauen und ihre Potenziale frei macht.
  • Und die Daueraufgabe der Vereinbarkeit von Familie und Beruf gehört ebenfalls zu den Voraussetzungen, damit Frauen im Erwerbsleben gleiche Chancen haben. Auch hier hat die Koalition schon einiges umgesetzt. Weitere Mittel für den Kitaausbau sowie das ElterngeldPLUS erleichtern das Leben mit kleinen Kindern. Das Gesetz für Familie, Pflege und Beruf verbessert das Nebeneinander von Erwerbsarbeit und Angehörigenpflege.


Entgeltgleichheit - was sich die große Koalition vorgenommen hat

All diese Maßnahmen helfen, die Lohnlücke zu schließen. Jetzt geht es um zwei weitere wichtige Vorhaben:

  • Wir wollen ein Rückkehrrecht auf Vollzeit regeln. So wird Teilzeit für Frauen nicht länger zur Falle. Mehr Rechte rund um die Arbeitszeitgestaltung ist ein scharfes Schwert gegen Lohnungleichheit.
  • Außerdem werden wir gegen die direkte Lohndiskriminierung mit einem Entgeltgleichheitgesetz angehen.


Unser erstes Ziel ist Transparenz bei der Bezahlung: Nur, wenn ich von Diskriminierung weiß, kann ich gegen sie angehen. „Verdient mein männlicher Kollege wirklich mehr als ich?“. Allein schon an dieser Frage beißen sich bislang viele Frauen die Zähne aus. Denn ein Erfolg vor Gericht ist nur möglich, wenn die Klägerin einen Beleg für ungleiche Bezahlung vorbringen kann.

Deshalb wollen wir für alle Arbeitnehmer_innen einen individuellen Auskunftsanspruch über die betrieblichen Gehaltsstrukturen gesetzlich regeln. Es geht nicht darum, Kollegen, die sich ein Büro teilen, gegeneinander auszuspielen. Es geht darum, die Bezahlung einer Vergleichsgruppe offen zu legen, damit Beschäftigte, Frauen wie Männer, die Höhe ihres eigenes Gehalts besser einschätzen können.

Außerdem sollen große Unternehmen, die mindestens 500 Beschäftigte haben, künftig im Lagebericht nach dem Handelsgesetzbuch auch zu Frauenförderung und Entgeltgleichheit Stellung nehmen. Heute schon müssen diese Unternehmen im Handelsgesetz umfassend berichten. Diese Berichtspflicht wollen wir erweitern um die betriebliche Gleichstellung. Auch das sorgt für mehr Transparenz.

Das wird einen positiven Wettbewerb unter den Unternehmen und weniger Diskriminierung zur Folge haben. Denn im Ringen um die besten Fachkräfte wird sich kaum ein Unternehmen leisten können, Frauen offen zu benachteiligen.

Bundesfrauenministerin Manuela Schwesig ist schon seit Monaten in Gesprächen mit Arbeitgebern und Gewerkschaften. Sie wird noch im Laufe des Jahres einen Gesetzentwurf vorlegen.

Lohngerechtigkeit – ein Gewinn für uns alle

Endlich Lohngerechtigkeit – das ist im Interesse der Frauen, denen wir diese grundgesetzwidrige Ungerechtigkeit nicht länger zumuten dürfen. Es ist aber auch im Interesse der Wirtschaft, die auf gut ausgebildete und hoch motivierte Frauen als Fachkräfte angewiesen ist. Und es ist in unser aller Interesse, die wir in einer gerechten Gesellschaft leben wollen, in der Chancen und Einkommen nicht nach Geschlecht vergeben werden!

Dr. Carola Reimann schrieb den Beitrag für hbpa.