Der Klimaschutzplan erhitzte 2016 die Gemüter. Er fordert u.a. weitere CO2-Einsparungen im Gebäudesektor. Dies beklagt jedoch die Immobilienindustrie, da es dem Ziel des bezahlbaren Wohnraums entgegenstehe. Ist diese Einschätzung korrekt? Wir haben den bau- und wohnungspolitischen Sprecher der Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen, MdB Christian Kühn, um seine Einschätzung gebeten.

Bezahlbares und ökologisches Bauen und Wohnen ist möglich

Wohnen und Bauen ist in den letzten Jahren zu einer Frage der sozialen Gerechtigkeit geworden. Entgegen vieler Behauptungen sind wir Grüne überzeugt: Soziale Gerechtigkeit und Klimaschutz passen sehr gut zusammen. Es reicht nicht, einfach nur das ewige Mantra vom „Bauen, Bauen, Bauen“ zu wiederholen. Es kommt vor allem darauf an, wie und wo gebaut wird.

Als Bauministerin Hendricks vor drei Jahren ins Kabinett berufen wurde, hat sie vollmundig angekündigt, Umwelt und Bauen endlich wieder miteinander zu verzahnen. Seitdem hat es die Bundesregierung leider nicht geschafft, auch nur ein klimaschutzpolitisches Ausrufezeichen in der Baupolitik zu setzen. Ich vermisse nach wie vor ein Programm zur energetischen Quartierssanierung, eine Klimakomponente beim Wohngeld oder die gezielte Förderung von nachwachsenden und ökologischen Baustoffen. Um bezahlbares Wohnen für alle zu ermöglichen muss man nicht automatisch die Umweltstandards senken. Ebenso wenig wie, im Umkehrschluss, energetische Vorgaben Baupreise unnötig in die Höhe treiben. Es liegt vielmehr am fehlenden Willen der Großen Koalition, dass hier seit Jahren Stillstand herrscht.

Konkrete Anreize für umfängliche Sanierungen notwendig

Bei den Verhandlungen zum Klimaschutzplan sind in letzter Minute noch 8 Millionen Tonnen an CO2-Einsparung in den Gebäudebereich geflossen. Der Grundgedanke, dass im Gebäudebereich enorme Einsparpotenziale schlummern, ist richtig. Leider dümpelt aber die Sanierungsquote bei knapp einem Prozent vor sich hin. Die Bundesregierung fördert nach wie vor materialoffen, sprich: auch klimaschädliche Bau- und Dämmmaterialien. Wie auf diese Weise 8 Millionen Tonnen CO2 eingespart werden sollen, ist mir rätselhaft. Wenn der Gebäudebereich hier nicht nur als klimapolitisches Feigenblatt dienen soll, muss die Bundesregierung schnell zeigen, welche Maßnahmen sie ergreifen will, um dieses selbstgesteckte Ziel auch tatsächlich zu erreichen.

Der Baustoff Holz sollte eine Renaissance erleben

Eine Möglichkeit wäre beispielsweise die konsequente Förderung von Holz im Baubereich. Denn Klimaschutzabkommen und steigender Erderwärmung zum Trotz – noch immer ist Beton für viele Häuslebauer der Baustoff der Wahl. Im Gegensatz zu Stahl, Aluminium und Beton wird der Baustoff Holz umweltfreundlich und ressourcenschonend produziert. Holz entzieht der Atmosphäre während des Wachstums mehr CO2, als bei seiner Verarbeitung zu Schnittholz oder Holzwerkstoffen freigesetzt wird. Für jeden Kubikmeter Holz, der als Ersatz für konventionelle Baumaterialien eingesetzt wird, wird ungefähr eine Tonne CO2 weniger in die Atmosphäre geblasen. Bei einer 70 m2 großen Wohnung in einem mehrgeschossigen Wohnhaus entspricht dies, je nach Bautechnik, zwischen 15 und 25 Tonnen CO2. Das ist praktizierter Klimaschutz im Baubereich. Unternehmen der Zementindustrie sind außerdem als energieintensive Unternehmen bislang in erheblichem Umfang von Energiesteuern und CO2-Kosten befreit. Hier muss die Bundesregierung Anreize schaffen, damit die Umstellung ihrer Produktion auf ökologischere Alternativen attraktiv wird.

Vielzahl von Positivbeispielen für nachhaltiges Bauen

Häufig werden die Energieeinsparung und ökologische Vorgaben vonseiten der Bauindustrie als Preistreiber beim Wohnungsbau angeprangert. Dass das nicht der Fall ist, zeigen Beispiele aus dem Holz-Modul-Bau: das B7 Studentenwohnheim in Furtwangen der kuner Architekten wurde an einem Tag errichtet. Der Stuttgarter Stararchitekt Werner Sobek hat legoähnliche Aktivhaus-Wohnmodule entwickelt. Damit konnten Flüchtlingsunterkünfte für 200 Menschen errichtet werden, deren Baukosten sich auf 4 Millionen Euro inklusive Erschließung, Fundament und Photovoltaikanlage auf dem Dach belaufen. In Berlin kostet die Unterbringung für die gleiche Anzahl an Menschen in Containerdörfern und modularen Unterkünften etwa 5,6 Millionen Euro.

Heute kann Holzbau aufgrund der ausgefeilten Bausysteme und Technologien schnell, ästhetisch und ökonomisch sein. Es ist längst kein Luxus mehr, sondern Sinnbild für hochwertiges Wohnen, das durchaus erschwinglich ist.

Vor diesem Hintergrund ist es umso problematischer, dass die Verbände aus Hendricks‘ Bündnis für bezahlbares Bauen und Wohnen ausgestiegen sind. Wir brauchen den Dialog mit der Bau- und Wohnungswirtschaft dringend. Den Klimawandel bekämpft man nicht, indem man den Kopf in den Sand steckt, sondern indem man offen ist für Austausch und neue, innovative  Lösungen. Die Dialogverweigerung einer ganzen Branche wirft Hendricks‘ Bau- und Wohnungspolitik um Jahre zurück.

Ziel: Energieeffiziente Gebäude

Aber auch die Große Koalition steckt in ihrer Verweigerungshaltung fest. In Sachen Energieeinsparverordnung (EnEV) und Erneuerbare-Energien-Wärmegesetz (EEWärmeG) hat sie sich offenbar gerade selbst eine Denkpause verordnet. Es geht noch immer nichts voran. Wir haben gerade aber keine Zeit für Denkpausen, im Gegenteil: Die Erderwärmung wartet nicht. Deshalb brauchen wir jetzt Entscheidungen. Um Erneuerbare Energien künftig auch im Gebäudebestand verbindlich zu verankern, wollen wir den undurchschaubaren Regelungsdschungel aus Energieeinspargesetz, EnEV und EEWärmeG in einem übergreifenden und zeitgemäßen Energiesparrecht zusammenführen. So erreichen wir energieeffiziente Gebäude, statt schön gerechnete Baumaßnahmen auf dem Papier.

 

MdB Christian Kühn verfasste diesen Beitrag für hbpa.