Bundesministerin Prof. Johanna Wanka (CDU) hat im letzten Jahr angekündigt, im Rahmen des „DigitalPakt#D“, Deutschlands Schulen mit fünf Mrd. € bei der Digitalisierung unterstützen zu wollen. Vor diesem Hintergrund haben wir zwei Politiker, Mitglieder im Ausschuss für Bildung, Forschung und Technik – Herrn Sven Volmering (CDU) und Herrn Özcan Mutlu (Bündnis 90/Die Grünen) - um ihre Einschätzung gebeten. Hier die Bewertung von MdB Özcan Mutlu. Die Bewertung von MdB Sven Volmering finden Sie hier.

Digitale Bildung - Chance für mehr Bildungsgerechtigkeit?

Mittlerweile herrscht allgemeiner Konsens auf allen politischen und gesellschaftlichen Ebenen: Das Leben in der digitalen Welt ist kein Zukunftsszenario mehr, sondern alltägliche Realität. Deshalb sind unsere Bildungseinrichtungen in der Verantwortung, alle hier lebenden Kinder und Jugendlichen bestmöglich auf das Leben in der digitalen Gesellschaft vorzubereiten. Endlich haben auch die bildungspolitischen Verantwortlichen reagiert. Konkrete Ankündigungen sind in den vergangenen Wochen und Monaten vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) und der KultusministerInnenkonferenz (KMK) gefolgt. Es bleibt zu hoffen, dass diese Vorhaben sich tatsächlich etablieren können und nicht, wie einige ihrer Vorgänger, im Sande verlaufen.

DigitalPakt#D: Eine Initiative mit Tücken

Die vom BMBF angekündigte „Bildungsoffensive für die digitale Wissensgesellschaft“ soll die Schulen mit digitaler Infrastruktur ausstatten. Die fünf Milliarden Euro hat die Bildungsministerin für die Ausstattung mit Hardware der 40.000 Schulen vorgesehen, aber erst ab 2018. Folglich sind diese Investitionen bisher in keiner Weise im Haushalt aufgeführt. Eine solche Ankündigung ist fragwürdig und lässt eher ein vorgezogenes Wahlkampfgeschenk vermuten als eine ernstgemeinte Initiative. Unabhängig von dem Vorgehen wird deutlich: derartige Investitionen können nur ihren pädagogischen und didaktischen Wert entfalten, wenn sie gleichzeitig von gut ausgebildetem Personal in den Unterricht eingebunden und die Strukturen für Wartung mitgedacht werden. Diese Einschätzung wird zwar von der Bildungsministerin geteilt, aber nur, um die Hauptverantwortung und die Folgekosten - die nicht unerheblich sind - an die Länder zu delegieren und sich selbst aus der Verantwortung zu nehmen. So sieht für uns allerdings keine gemeinsame und nachhaltige digitale Strategie aus, die Bildungseinrichtungen fit für die Zukunft machen soll.

Das ist aber noch nicht der einzige Haken an Bildungsministerin Wankas DigitalPakt#D. Die potenziellen fünf Milliarden kann die Bildungsministerin nur bereitstellen, indem sie das Kooperationsverbot umgeht. Denn eigentlich ist es dem Bund per Verfassung untersagt, den Ländern in Schulangelegenheiten unter die Arme zu greifen. Anstatt also das Grundgesetz in Gänze zu ändern, um die Länder bei ihren zahlreichen Herausforderungen im Bildungsbereich zu unterstützen, wird die gesetzlich wackelige Grundlage des Artikels 91 c bemüht.

Lernen für die digitale Welt - eine allumfassende Aufgabe in allen Lebensphasen

Dass das deutsche Bildungssystem nur bedingt auf die Welt von morgen vorbereitet, hat die Veröffentlichung der jüngsten PISA-Studie erneut belegt: Deutsche Schülerinnen und Schüler sind im Umgang mit digitalen Medien nur ausreichend vertraut, im internationalen Vergleich können sie nicht mithalten. Das ist besorgniserregend, denn die fortschreitende digitale Prägung der Lebenswelt ist nicht nur eine vorübergehende Erscheinung. Die Digitalisierung ist omnipräsent: Das gilt sowohl für den Kauf von Bahntickets als auch für die elektronische Steuererklärung.

Darüber hinaus müssen wir uns aber auch abstrakteren Fragen stellen: Was bedeutet künstliche Intelligenz für mein Leben? Wie verändern soziale Medien unser gesellschaftliches Miteinander? Wie beeinflusst die sogenannte Filterblase die kritische Auseinandersetzung der Gesellschaft mit sich selbst?

Kinder und Jugendliche sollen so ausgestattet werden, dass sie als digitaler Souverän an der Gesellschaft teilhaben können. Da benötigt es mehr Anstrengungen, als die Tafel durch einen Computer zu ersetzen. Es gilt, eine digitale Kultur zu schaffen, die von allen Mitgliedern unserer Gesellschaft entwickelt und getragen wird. Dafür müssen grundlegende Kompetenzen vermittelt werden. Schülerinnen und Schüler sollten so früh wie möglich auf ein Leben in der digitalen Welt, zu dem auch die Arbeitswelt 4.0 zählt, vorbereitet werden. Deshalb müssen alle Schulen in Deutschland qualitativ hochwertig ausgestattet werden. Das gilt für Bildungsinstitutionen in wohlhabenden Kommunen, aber auch in finanzschwachen Kommunen, für Grundschulen und Berufskollegs. Vor diesem Hintergrund wird auch lebenslanges Lernen immer bedeutsamer. Entlang der gesamten Bildungskette müssen geeignete Konzepte entwickelt werden. Finnland kann uns mit seiner aktuellen Schulreform als Bespiel dienen, in der es insbesondere darum geht, die Kinder im Leben abzuholen.

Lernen in der digitalen Welt: Bildungsgerechtigkeit und individuelle Förderung sind möglich

Besonders wichtig ist für uns der Aspekt der Bildungsgerechtigkeit. Studien belegen, dass die (digitale) Schere in Deutschland immer weiter auseinanderzuklaffen droht. Chancengerechtigkeit soll keine Frage des Wohnorts sein. Das können und wollen wir uns nicht leisten. Der sichere und selbstbewusste Umgang mit digitalen Medien darf nicht vom Geldbeutel der Eltern abhängen. Um alle Kinder und Jugendliche bestmöglich auf ein Leben in der digitalen Gesellschaft vorzubereiten, müssen die technischen Voraussetzungen, aber auch hochwertige didaktische Konzepte flächendeckend in unser Bildungssystem implementiert werden. Erst der konstruktive und kompetente Umgang des pädagogischen Personals mit digitalen Medien in Schulen, ermöglicht die individuelle Förderung aller Kinder und jungen Menschen. Die neuen Möglichkeiten des Lernens in der digitalen Welt können somit zu Bildungsgerechtigkeit beitragen. Diese Chance dürfen wir nicht ungenutzt lassen. Um diese anspruchsvolle Aufgabe zu meistern, müssen Bund, Länder und Kommunen an einem Strang ziehen.

Deutschland muss aufholen: Lehrer_innen als Dreh-und Angelpunkt

Davon sind wir bisher aber noch weit entfernt. Immer wieder wird dem deutschen Bildungssystem attestiert, dass der Einsatz von digitalen Medien nur unzureichend zum Einsatz kommt. Beim internationalen ICILS-Vergleich 2014 landen deutsche Schüler und Schülerinnen mit ihren IT-Kenntnissen nur im Mittelfeld. Deutschland hinkt hinterher, das gilt für die technische Ausstattung, die pädagogischen Konzepte, die Aus-und Weiterbildung der Lehrkräfte gleichermaßen. Obwohl Leitbild und Maßnahmenkatalog für die digitale Wissensgesellschaft schon seit Langem bekannt sind.

Die ICIL-Studie belegt, dass es gerade auch auf die Aus-, Fort- und Weiterbildung der Lehrkräfte ankommt. Da reicht der DigitalPakt#D nicht aus. Hinzu kommt, dass es zwischen den 16 Bundesländern enorme Unterschiede gibt, was den Einsatz von digitalen Medien im Unterricht betrifft (Studie „Schule digital“). Dass dadurch eine strukturell bedingte digitale Kluft in Deutschland entsteht, ist nicht hinnehmbar. Ohne Investitionen vom Bund werden wir dieses Problem nicht in den Griff bekommen.

Mein Fazit: DigitalPakt#D ist nicht ausreichend

Die fünf Milliarden, die Bildungsministerin Wanka bis 2021 für die Ausstattung vorgesehen hat, sind nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Der Deutsche Städte- und Gemeindebund rechnet mit mindestens 2,5 Milliarden pro Jahr für die Digitalisierung an Schulen. Außerdem muss der DigitalPakt#D auch im aktuellen Haushalt 2017 unterlegt werden, sonst bleibt es nur bei Ankündigungen.

Während die Ministerpräsidentinnen und –präsidenten der Länder sich im Oktober mit der Kanzlerin darauf einigten, dass der Bund nun immerhin die bauliche Sanierung von Schulen mitleisten darf, wird klar: der wichtige Bereich der Digitalisierung bleibt außen vor. Das finden wir nicht nachvollziehbar. Der DigitalPakt#D könnte der Anfang einer neuen Ära an deutschen Schulen werden, dafür müsste aber noch ordentlich nachjustiert werden. Denn unser Bildungssystem muss sich daran messen lassen, ob es unsere Kinder angemessen auf die vielfältigen Veränderungen unserer Welt vorbereitet. Die Ankündigung des Digitalpakts ist maximal ein längst überfälliger Schritt –  zwar in die richtige Richtung, aber nicht der große Wurf, wie vom BMBF angekündigt. Denn klar ist: Hardware allein macht noch keine digitale Schule aus. Auch die Politik muss endlich begreifen, dass es ohne Bildung 4.0 keine Industrie 4.0 geben kann. Das ist aber lebensnotwendig für unseren Wirtschaftsstandort Deutschland! 

 

MdB Özcan Mutlu verfasste diesen Beitrag für hbpa.