In Anbetracht der stetig steigenden Bedeutung von Daten sowie datenbasierten Geschäftsmodellen haben wir zwei Politiker aus dem Ausschuss Digitale Agenda um ihre Einschätzung zum Thema „Daten als Rohstoff der Digitalwirtschaft“ gebeten. Hier der Beitrag von MdB Dieter Janecek (Bündnis 90/Die Grünen). Die Einschätzung von MdB Thomas Jarzombek (CDU) folgt in Kürze.

Daten als Rohstoff - eine grüne Perspektive

Daten als Rohstoff der Wirtschaft – aus grüner Perspektive auf den ersten Blick so etwas wie ein Ideal ökologisch nachhaltiger Ressourcengewinnung. Schließlich handelt es sich bei Daten um eine regenerative, unerschöpflich erscheinende Ressource, für deren Hebung keine großen Löcher in den Boden gegraben, kein Regenwald gerodet, keine Flüsse vergiftet werden. Ganz so ungetrübt ist die Freude aber nicht. Denn wir – Politik und Wirtschaft in Deutschland – sind in mehrfacher Hinsicht gefordert: Wir wollen und wir müssen datenbasierte Geschäftsmodelle und Anwendungen ermöglichen und fördern – zum einen, damit der Wirtschaftsstandort Deutschland nicht den Anschluss an die digitale Welt verliert, zum anderen, weil sich gerade in den Bereichen Green Technology große Potentiale ergeben. Gleichzeitig ist es unabdingbar, gerade mit Blick auf die Datensammelwut von NSA bis zu Internetgiganten wie Facebook und Google, das Recht auf informationelle Selbstbestimmung zu gewährleisten.

Effizienzrevolution durch Daten

Unsere grüne Vision von Digitalisierung: Daten können uns helfen, unsere Verkehrsströme, unser Energiesystem und die Industrieproduktion zu revolutionieren sowie Energie und Ressourcen zu sparen. In Zukunft werden (elektrisch angetriebene) Fahrzeuge nicht mehr im Stau stehen, nicht mehr sinnlos bei der Parkplatzsuche durch Innenstädte kurven, sondern uns selbstständig schnell und sicher von A nach B bringen. Der öffentliche Nahverkehr, Car Sharing und Leihrad bilden dank Datenaustausch eine vernetzte Mobilitätskette. Ebenso vernetzt ist die Zukunft der Energieversorgung: Meteorologische Daten, kombiniert mit aktuellen Verbrauchsdaten und Nachfrageprognosen, ermöglichen ein auf erneuerbaren Energien basierendes effizientes Energiesystem. Mit Hilfe von aktuellen Wetterdaten lassen sich auch andere Systeme und Infrastrukturen steuern, von der Landwirtschaft bis zur Bewässerung städtischer Grünanlagen. Das CO2-Einsparpotential der Digitalisierung ist enorm: Branchenstudien (SMARTer2020) halten 15 Prozent globale CO2-Einsparungen bis 2020 für möglich.

Offene Daten – eine Frage von Demokratie und Transparenz

Daten sind nicht nur ein wichtiger Treiber für Effizienz. Der Zugang zu Daten ist im 21. Jahrhundert eine zentrale Frage von Teilhabe und Demokratie. Das 2006 verabschiedete Informationsfreiheitsgesetz war bereits ein erster Schritt zu mehr Transparenz. Das Gesetz schreibt ein grundsätzliches Recht auf Zugang zu Informationen gegenüber Behörden fest. Der nächste konsequente Schritt wäre eine Open Data-Verpflichtung für alle staatlichen Ebenen: Mit Steuermitteln erhobene Daten sollten auch der Allgemeinheit in maschinenlesbarer, technikneutraler und lizenzfreier Form zur Verfügung stehen. Gerade kleine Unternehmen profitieren, wenn Daten zugänglich sind – Open Data fördert den Wettbewerb in der Digitalwirtschaft und ermöglicht neue Geschäftsmodelle.

Recht auf informationelle Selbstbestimmung wahren

Das Potential durch Nutzung und Weiterverwertung von Daten ist enorm, die Gefahren dabei dürfen aber nicht unterschätzt werden. Nicht nur der NSA-Abhörskandal und die Geschäftspraktiken mancher IT-Giganten erinnern an Orwell‘sche Dystopien totaler Überwachung. Informationelle Selbstbestimmung ist ein – vom Bundesverfassungsgericht mehrfach bestätigtes – Grundrecht und kann nicht zur Disposition gestellt werden. Und die Segnungen des Datenzeitalters werden sich nur sinnvoll nutzen lassen, wenn personenbezogene Daten effektiv und umfassend geschützt bleiben. Zuverlässige Anonymisierung und Verschlüsselung, sichere IT-Infrastruktur und Vorbildfunktion der öffentlichen Hand – da sind noch zahlreiche Hausaufgaben zu erledigen.  

Chancen für die deutsche Digitalwirtschaft

Die meisten datengetriebenen Geschäftsmodelle, die derzeit unsere Arbeits- und Lebenswelt gehörig durcheinanderbringen, stammen aus Kalifornien. Ob wir es wollen oder nicht: Wir können in Deutschland kein Silicon Valley 2.0 nachbauen. Die deutsche Wirtschaft sollte sich vor allem auf ihre spezifischen Stärken konzentrieren und bestehende Standort-Vorteile nutzen. Stichwort Digitalisierung der Industrie. Gerade im Internet of Things werden datengetriebene Geschäftsmodelle eine zentrale Rolle spielen. Und die deutschen Unternehmen haben eine einmalige Chance, die im internationalen Vergleich hohen Standards beim Datenschutz als Wettbewerbsvorteil zu nutzen. Leider erleben wir immer wieder, dass Unternehmen sensible Geschäfts- und Kundendaten durch Hackerangriffe verloren gehen. Nicht nur in kritischen Bereichen werden auf Dauer datengestützte Geschäftsmodelle nur dann überzeugen, wenn hohe Sicherheits- und Datenschutzstandards die Kunden überzeugen. „IT Security made in Germany“ und „Privacy made in Germany“ könnten dadurch zu einem deutschen Exportschlager werden und die beste Ausgangsbasis für den Erfolg von datengetriebenen Geschäftsmodellen in Deutschland bilden.