Die Marktwirtschaft wird überleben, wenn wir sie besser und früher vermitteln – also in der Schule ...

Totgesagte leben länger

Die Marktwirtschaft wird überleben, wenn wir sie besser und früher vermitteln – also in der Schule

Ist die Marktwirtschaft am Ende? Allerorten wird ihr Ableben verkündet. Weite Teile der Politik deuten das hausgemachte Versagen des Finanzmarktsystems zu einem generellen Versagen unserer Wirtschaftsordnung um. „Immer mehr Deutsche lehnen soziale Marktwirtschaft ab“, titelt der Focus, und laut Allensbach-Umfrage zweifeln 40 Prozent der Deutschen, ob unsere Wirtschaftsordnung im heutigen Umfeld noch zeitgemäß ist. Schließlich bestreitet laut FAZ die Mehrheit der Bevölkerung, dass es in Deutschland überhaupt eine Soziale Marktwirtschaft gibt. Dies ist der Moment für das feine Gespür von Populisten, die als Rezept gegen entfesselte Märkte einen „Neosozialismus“ proklamieren. Ihre Forderung trifft auf eine in der Bevölkerung weit verbreitete Fundamentalkritik an der Sozialen Marktwirtschaft, verbunden mit dem Ruf nach dem starken Staat. Folglich brauchte es nur Wochen, bis ein sechzigjähriges Erfolgsmodell in einer tiefen Legitimationskrise landete.

Soziale Marktwirtschaft als Garant für die Stabilität unserer Demokratie

Ludwig Erhard als Vater der Sozialen Marktwirtschaft hatte Erfahrung mit entfesselten Märkten. Sein Ordnungskonzept des sozialen Marktes war die Antwort auf die Finanz- und Weltwirtschaftskrise von 1929 und ihre verheerenden Folgen. In Erhards Konzept einer verantwortungsvollen Marktwirtschaft besitzen Unternehmen größtmögliche Entfaltungsmöglichkeiten, während der Staat notwendige Rahmenbedingungen setzt, die als disziplinierende Klammer wirken. Der Staat fungiert als soziales Korrektiv der Unternehmen und gewährleistet, dass sie ihrer sozialen Verantwortung nachkommen können. Die Soziale Marktwirtschaft ist für Manche in der Theorie vielleicht nicht die beste aller Wirtschaftsordnungen. Aber in der Praxis ist sie für alle Betroffenen sicher die bewährteste. Und ob man sie mag oder nicht: Sie ist die Ordnung, die uns in Deutschland prägt, die uns umgibt. Sie gehört zu den elementaren Bindekräften unserer Gesellschaft und zu den Kernelementen unserer Demokratie.

Die zentrale Rolle, die Unternehmen dabei spielen, wird gerne verkannt. Es sind vor allem kleine und mittelständische Unternehmen, die die soziale Verantwortung der Sozialen Marktwirtschaft verkörpern. Nicht die Mehdorns, Zumwinkels und Schrempps verkörpern deutsches Unternehmertum. Sondern die Betriebe von nebenan. Ihre Spanne beginnt beim Kioskbesitzer an der Ecke und reicht vom Blumenmarkt über den Handwerksbetrieb und den Imbiss bis hin zum mittelständischen Maschinenbauer, der weltweit tätig ist. Über 95% aller Unternehmen in Deutschland sind Klein- und mittelständische Unternehmen. Sie erwirtschaften ca. 40% der steuerpflichtigen Umsätze, bieten etwa 70% aller Arbeitsplätze an und bilden ca. 81% der Lehrlinge aus. Sie tragen damit täglich soziale Verantwortung, wirken in die Gesellschaft und bilden die Grundlage dafür, dass Deutschland Exportweltmeister und Globalisierungsgewinner ist. Diese elementaren Zusammenhänge werden häufig verkannt.

Wirtschaftliche Grundbildung ist demokratische Grundbildung

Wo kann man Grundwissen über Soziale Marktwirtschaft lernen? In der Schule, sollte man meinen. Ein schöner Traum. Wirtschaft als eigenständiges Fach existiert an Deutschlands Schulen bis auf wenige Ausnahmen nicht, sondern fristet sein Dasein als Querschnittsfach. Darin erklären Historiker Makroökonomie, vermitteln Geographen Betriebswirtschaftslehre und Politologen Wirtschaftstheorien. Dazu kommt häufig die mentale Hemmschwelle vieler Lehrer, die aus einer post-68er Mentalität heraus Wirtschaft und Unternehmen meiden wie der Teufel das Weihwasser. Auch engagierte Pädagogen wechseln selten die Fronten, um Kenntnisse und persönliche Erfahrungen in Unternehmen zu sammeln.

Die Vermittlung elementarer Kenntnisse zur Sozialen Marktwirtschaft muss fortan Teil des zentralen Bildungs- und Erziehungsauftrags werden, den die Schulen für unsere Kinder haben. Ohne wirtschaftliche Grundbildung können Menschen sich nicht auf die Teilnahme an der globalisierten Welt vorbereiten. Unser politisches System und unsere Wirtschaftsordnung lassen sich dabei nicht getrennt betrachten. Im Zeitalter der Globalisierung ist für unsere Kinder das Verständnis marktwirtschaftlicher Prozesse essentiell. Gerade sie brauchen ein profundes Verständnis der Ordnung, die sie geprägt hat und in der sie leben. Nur mit diesem Verständnis können junge Menschen zu Bürgern werden – Bürger, die in der Lage sind, die Herausforderungen der Globalisierung anzunehmen. Und die in der Lage sind, als Bürger auch Staatsbürger zu sein, also Träger, Entwickler und – falls nötig – auch Verteidiger unserer gesellschaftlichen Ordnung gegen Sirenengesänge von links und rechts. Und wenn, ganz nebenbei, 18-jährige Bankkunden durch ein Schulfach Wirtschaft lernen, sich nicht mehr jedes x-beliebige Fondsprodukt andrehen zu lassen, nicht mehr in risikoreiche penny-stocks zu investieren und auf Millionengewinne zu hoffen, sondern Anlageprodukte kritisch zu hinterfragen, dann ist auch dies eine demokratische Grundausbildung, die der Gesellschaft nützt.

Die Soziale Marktwirtschaft ist wie unsere Demokratie: Sie vererbt sich nicht, sie muss von jeder Generation neu erworben und eingeübt werden. Deshalb müssen nicht nur die Schulen, sondern wir alle wieder werben für die Stärken der Sozialen Marktwirtschaft! Und wir müssen werben für die Rolle des Staates, der nicht selbst Unternehmer wird, sondern die Rahmenbedingungen für Unternehmen fortentwickelt. Das Scheitern einer Planwirtschaft im eigenen Land ist doch Grund genug, die Rolle des Staates primär als Garant stabiler Rahmenbedingungen zu sehen. Weitergehende Verstaatlichungsträume sollten auf Dauer ein Fall für die Geschichtsbücher bleiben.

(Mitarbeit: Jasna Makdissi, HAUS RISSEN HAMBURG)