Warum Atomenergie gefährlich ist und eine Rückkehr zu ihr kein Fortschritt wäre …

Der Atomausstieg ist nicht verhandelbar

Warum Atomenergie gefährlich ist und eine Rückkehr zu ihr
kein Fortschritt wäre

* Durch Anlagenstillstände bei den Kernkraftwerken Brunsbüttel und Krümmel seit dem 18.07.07 bzw. 28.06.07 sind genaue Prognosen derzeit schwer zu errechnen.

Sämtliche Restlaufzeiten sind geschätzte Angaben, da die verbleibende Reststrommenge z.T. zwischen den Atomkraftwerken übertragbar ist und vorrübergehende Anlagenstillstände nicht immer vorhersehbar sind.


Zurzeit erleben wir eine massive Kampagne für einen Ausstieg aus dem Atomausstieg. Dabei ist Atomenergie teuer, schmutzig und lebensgefährlich. Wer am Atomausstieg rüttelt und Atomkraft zur vermeintlichen Öko-Energie verklärt, kann kein Partner für grüne Politik sein. Der Atomausstieg ist nicht verhandelbar.

Atomkraft ist lebensgefährlich

Sichere Atomkraftwerke gibt es nicht. Kein Atomkraftwerk der Welt ist gegen eine Reaktorkatastrophe wie in Tschernobyl oder Harrisburg gefeit. Wie schnell ein schwerer Unfall selbst in vermeintlich modernen Atomkraftwerken möglich ist, hat 2006 der Beinahe-GAU im schwedischen Vorzeigereaktor Forsmark gezeigt. Auch in deutschen Pannenreaktoren wie Brunsbüttel, Krümmel und Biblis A reiht sich Störfall an Störfall. Und je älter die Atomkraftwerke sind, desto maroder und pannenanfälliger werden sie auch.

Neue Gefahren sind durch den internationalen Terrorismus hinzugekommen. Kaum ein Atomkraftwerk würde den gezielten Absturz eines Großraumflugzeuges ohne Freisetzung von Radioaktivität überstehen, einige sind nicht einmal gegen Abstürze kleinerer Maschinen gesichert. Und dass nukleares Material immer in der Gefahr militärischen Missbrauchs steht, zeigt nicht nur der Konflikt um das iranische Atomprogramm.

Völlig ungelöst ist auch das Problem des Umgangs mit dem hochradioaktiven Strahlenmüll. Weltweit gibt es immer noch kein einziges Endlager, und das Vorzeigebergwerk für Atommülllagerung im Salz, die Asse bei Wolfenbüttel, ertrinkt gerade in radioaktiver Lauge. Umso unverantwortlicher ist es, durch eine Laufzeitverlängerung Tausende Tonnen zusätzlichen Atommülls aufzuhäufen und künftigen Generationen zurückzulassen.

Atomkraft kommt uns alle teuer

Für die Gesellschaft ist Atomkraft eine der teuersten Formen der Energieerzeugung. Vermeintlich billig erscheint sie nur, wenn man die Zahlen schönt und die gesellschaftlichen Kosten der Atomenergie unterschlägt. Circa 100 Milliarden Euro an direkten und indirekten Subventionen hat die Atomkraft schon verschlungen. Allein für die nordrhein-westfälischen Investitionsruinen des THTR in Hamm-Uentrop und des Schnellen Brüters in Kalkar wurden rund sechs Milliarden Euro an Steuermitteln vergeudet. Das Atommülllager in Morsleben wird, wie jüngst bekannt wurde, die Steuerzahler mit 2,2 Milliarden Euro doppelt so teuer kommen wie zunächst vorhergesagt. Und der Schaden eines schweren Atomunfalls wäre unbezahlbar.

Auch mit Blick auf die Verbraucherpreise entpuppt sich die Mär vom billigen Atomstrom als Ammenmärchen. Die alten abgeschriebenen Atomkraftwerke bringen den Energiekonzernen einen Reingewinn von ein bis zwei Millionen Euro pro Tag und Anlage. Beim Verbraucher kommt davon schon heute nichts an. Daran würden auch Laufzeitverlängerungen nichts ändern.

Gedankenspiele, diese Gewinne im Rahmen einer Selbstverpflichtung der Energiekonzerne an die Verbraucher zurückzugeben, entbehren jeder Glaubwürdigkeit. Einer Studie des Ökoinstituts zufolge würde eine hälftige Ausschüttung 2010 gerade mal 25 Cent pro Verbraucher und Monat bringen. Dem stehen ca. 7 Milliarden Euro gegenüber, mit denen die Energiekonzerne die Verbraucher jedes Jahr durch die Einpreisung kostenlos zugeteilter Emissionszertifikate belasten. Diese windfall profits abzuschöpfen und für Energiesparmaßnahmen zur Verfügung zu stellen, würde eine spürbare Entlastung der Verbraucher bedeuten.

Atomkraft schützt das Klima nicht

Atomkraft als wirksames Mittel gegen den Klimakollaps ist eine gefährliche Illusion. Die weltweit 439 Atomkraftwerke tragen gerade einmal 2,5% zur Deckung des globalen Energiebedarfs bei, Tendenz sinkend. Für eine deutliche Erhöhung des Anteils der Atomenergie am weltweiten Energiebedarf und damit für eine spürbare Reduzierung von Klimagasen müssten tausende zusätzliche AKW gebaut werden. In Deutschland würde eine spürbare Senkung der CO2-Emissionen durch Atomkraft nach einer Enquete des Bundestages über 50 neue Atomkraftwerke erfordern. Angesichts solcher Zahlen müssen selbst Atombefürworter einräumen, dass von der Atomkraft die Rettung des Weltklimas nicht zu erwarten ist.

Atomkraft ist auch nicht klimaneutral. Nicht nur, das beim energieintensiven Abbau von Uran zum Teil erhebliche Mengen an Klimagasen freigesetzt werden, bei Uran aus Südafrika etwa 126 Gramm CO2 pro Kilowattstunde. Weil Atomkraftwerke außerdem nur Strom und keine nutzbare Wärme erzeugen, müssen zur Wärmeversorgung zusätzlich CO2 verursachende Heizungen laufen. Deshalb ist die Klimabilanz eines Atomkraftwerks nicht besser als die eines Strom und Wärme liefernden Gas-Heizkraftwerks, ganz zu schweigen von der fast CO2-freien Energieversorgung durch Erneuerbare Energien.

Atomkraft wird nicht gebraucht

Auch zur Sicherung der Energieversorgung wird die Atomkraft nicht gebraucht. 2007 standen zeitweise sieben deutsche Atomkraftwerke still, ohne dass irgendwo das Licht ausgegangen wäre. Im Gegenteil: Trotz der Stillstände hat Deutschland einen Stromüberschuss exportiert, der der Leistung von 2-3 Atomkraftwerken entspricht. Und 2008 wird dieser Überschuss absehbar auf einen neuen Rekordwert ansteigen.

Atomkraft ist von gestern

Der Weg zu einer klimaverträglichen und modernen Energieversorgung führt über Energieeinsparen und Effizienz, erneuerbare Energien und dezentrale Kraft-Wärme-Kopplung. Technologisch überholte Großkraftwerke, die noch aus den 70er und 80er-Jahren des letzten Jahrhunderts stammen, länger laufen zu lassen, ist keine zukunftsfähige Energiepolitik. Längere AKW-Laufzeiten behindern dringend notwendige Investitionen in moderne Technologien und erneuerbare Energien, weil es für die Energiekonzerne attraktiver ist, Milliardengewinne mit alter, abgeschriebener Technologie zu machen, als in neue zu investieren. Schon die Diskussion über mögliche Laufzeitverlängerungen sorgt für Verunsicherung und schreckt zum Beispiel Stadtwerke von Investitionen in Kraft-Wärme-Kopplung, moderne Gaskraftwerke und Erneuerbare Energien ab. Atomkraft ist von Gestern. Atomkraft steht dem Fortschritt im Weg.

Bärbel Höhn verfasste diesen Beitrag für hbpa.