Wenn wir über das Internet, Disruption und die Plattformökonomie sprechen, denken wir in erster Linie an Unternehmen wie Apple und Amazon oder Uber und AirBnB. In seinem Buch „China’s Disruptors“ vertritt der Unternehmensberater Edward Tse die Auffassung, dass der nächste revolutionäre Schub von den Internetpionieren Chinas ausgehen wird.

“Chinas Disruptoren” – wie Alibaba, Xiaomi und Tencent die Welt verändern

Wenn wir über das Internet, Disruption und die Plattformökonomie sprechen, denken wir in erster Linie an Unternehmen wie Apple, Amazon oder Facebook, Uber, AirBnB oder Google – Giganten aus den USA, die unsere Daten sammeln und unsere Leben verändern. In seinem Buch „China’s Disruptors“ vertritt der Unternehmensberater Edward Tse die Auffassung, dass der nächste revolutionäre Schub hinsichtlich unserer Art, Produkte zu suchen, zu kaufen und zu bezahlen, von den Internetpionieren Chinas ausgehen wird. Tse sollte wissen, wovon er spricht: Als Chef von Boston Consulting und später von Booz & Company im riesigen Reich der Mitte hat er von Jack Ma (Alibaba) bis zu Robin Li (Baidu) und von Pony Ma (Tencent) bis zu Lei Jun (Xiaomi) alle beraten, die im digitalen China Rang und Namen haben. Tse hat den erstaunlichen Weg dieser Ausnahmeunternehmer aus oftmals durchschnittlichen Verhältnissen über die ersten Gehversuche und Rückschläge bis an die Spitze der Einkommenspyramide über zwei Jahrzehnte aus der Nähe verfolgt. Und er bettet die unternehmerische Leistung, den unbändigen Ehrgeiz der Genannten in einen größeren, historischen Zusammenhang ein: Ma, Li und all die anderen, so schreibt er, hätten nichts weniger im Sinn, als China seinen Stolz, seine Größe, ja den Glanz der Tang-Dynastie (618 bis 907 n. Chr.) zurückzugeben. Was kommt da auf uns zu?

Alibaba als „Role Model“

Tse’s Rollenmodell für das chinesisches Internetwunder ist Jack Ma, der Gründer und CEO der elektronischen Handelsplattform Alibaba. Beim Börsengang an der Wall Street 2014 sammelte Ma die gigantische Summe von 25 Milliarden US-Dollar ein und produzierte damit den bis dato größten IPO aller Zeiten. Sein eigenes Vermögen wird aktuell auf 28,3 Milliarden Dollar geschätzt. Begonnen hat alles im Jahr 1999, als Ma mit wenig Geld eine Business-to-Business-Plattform gründete, die kleine und mittlere Produzenten mit ihren Kunden verbinden sollte. Wenige Jahre später, unter dem Druck des bevorstehenden Eintritts von Ebay in den chinesischen Markt, dehnte Ma sein Geschäft mit Taobao auf die Consumer-to-Consumer-Ebene aus. Haupthindernis dabei: der Mangel an jeglichem Online-Bezahlsystem. Daraufhin erlebte Ma das, was Tse „the single greatest inspiration of his career“ (S. 35) nennt – die Idee zur Schaffung eines eigenen Bezahlsystems. Heute wickelt Alipay die Hälfte aller elektronischen Transaktionen in China in einem Umfang von jährlich 500 Milliarden Dollar ab – das Fünffache dessen, was auf Tencent’s „Tenpay“ umgeschlagen wird. Alibaba selbst ist heute die größte B2B-Plattform weltweit, während die Schwester-Seiten Taobao und Tmall das chinesische Consumer-Geschäft dominieren.

Tse blickt sodann auf die weiteren Größen des chinesischen Internets: auf Tencent, den dominanten, 800 Millionen aktive Accounts zählenden Anbieter sowohl im Bereich der Online Spiele als auch des Messaging („We Chat“), der neuerdings zum gefährlichen Konkurrenten für Alibaba im E-Commerce heranwächst; auf die Suchmaschine Baidu, die 60 Prozent des (Google-freien) chinesischen Search-Marktes beherrscht; oder auf den Smartphone Hersteller Xiaomi, der sich anschickt, vor allem Samsung immer größere Marktanteile abzujagen. Der Hunger dieser Disruptoren, zu denen Tse auch Lenovo, Huawei und den Autohersteller Geely zählt, ist schier unstillbar, und die Zeiten, in denen sie sich auf den chinesischen Heimatmarkt beschränkten, gehören der Vergangenheit an – ihr Markt ist längst die Welt.

China – traditionell Pionier neuer Ideen

Woher stammt dieser Eroberungsdrang? Der Autor erinnert an Chinas jahrhundertealte Geschichte des Handels und der Entdeckungen. Wer die Herstellung von Papier, den Kompass oder das Schießpulver erfunden habe, dem sei die Disruption quasi in die DNA eingepflanzt. Und wer einst große Teile der Welt mit der Seidenstraße verbunden habe, der verspüre heute erneut den Drang, weltumspannend zu denken und zu handeln. Einzig die Kulturrevolution unter Mao habe die Chinesen in ihrer technologischen, ökonomischen und sozialen Entwicklung hoffnungslos zurückgeworfen. Umso größeren Stellenwert misst Tse der Öffnung Chinas unter Deng Xiaoping seit den frühen 1980er Jahren - der Einrichtung von Sonderwirtschaftszonen, der Zulassung privater Unternehmen sowie der Förderung von Joint Ventures chinesischer Firmen mit internationalen Konzernen - bei. Chinas Beitritt zur WTO zu Beginn des neuen Jahrtausends sei vor diesem Hintergrund nur ein weiterer konsequenter Schritt gewesen. Heute werde die chinesische Wirtschaft von Unternehmern geprägt, die gar kein anderes China kennten als dasjenige der Reformen, der Öffnung und der (gelenkten) internationalen Kooperation.

Für das weitere Wachstum der chinesischen Disruptoren hat Tse vier Antriebskräfte ausgemacht: „Scale“, „Openness“, „Official Support“ und „Technology“, kurz „SOOT“. Die unermessliche Größe des Landes und seiner konsumhungrigen Bevölkerung, die behutsame Öffnung von immer mehr Märkten, staatliche Investitionen vor allem in Infrastruktur sowie der Siegeszug der IuK-Technologien stünden für die globale Ausdehnung von Alibaba, Xiaomi und Co. Dabei seien die Disruptoren keineswegs nur im Online-Geschäft unterwegs, sondern zunehmend auch in der industriellen Fertigung. Laut Tse kommt jeder fünfte weltweit hergestellte Industrieroboter heute in China zum Einsatz. Auch im Bereich 3D-Druck wolle das Land rasch eine führende Position einnehmen. Künstliche Intelligenz steht oben auf der Prioritätenliste der Regierung, während die gigantische Urbanisierung komplett neue Lösungen im Bereich Energie und Transport erfordert.  

Spagat zwischen Ein-Parteien-Staat und zunehmend freien Märkten

Ist der Siegeszug der chinesischen Disruptoren unaufhaltsam? Wie lange kann den Chinesen der Zugang zu Facebook, Twitter und YouTube verwehrt bleiben, während Alibaba und Tencent globale Strategien verfolgen? Laut Tse befindet sich China mit seinem Hybrid-Modell aus Ein-Parteien-Herrschaft einerseits und sektoraler Öffnung der Wirtschaft andererseits am Scheideweg. Der Herrschaftsanspruch der Kommunisten steht unter dem allmächtigen Staats- und Parteichef Xi Jinping nicht zur Debatte. Schon bei Konfuzius stehe geschrieben, dass es die Aufgabe von Herrschern sei, stets für öffentliche Ordnung zu sorgen. Zugleich seien (so Tse) Reformen auf den Kreditmärkten, die Deregulierung des Telekommunikationsmarktes sowie transparente Regeln im Bereich des Geistigen Eigentums unverzichtbar, um die ökonomische Dynamik aufrechtzuerhalten und bei ausländischen Investoren Vertrauen zu stiften. Auch VC- und Private Equity-Fonds müssten mehr Spielräume zugestanden werden. Ein-Parteien-Staat und gelenkter Kapitalismus - ein unmöglicher Spagat? Wenn die KP Chinas im Herbst dieses Jahres zu ihrem alle fünf Jahre stattfindenden Kongress zusammentritt, werden nicht nur die Regierungen der westlichen Welt, sondern auch die Internet-Giganten aus dem Reich der Mitte genau hinhören, welche Lösungen für die nächsten Jahre ausgegeben, und welche weiteren Spielräume zur Disruption wie auch zur Expansion ihnen gegeben werden.

Tse’s Buch bietet spannende Einblicke in die aktuelle wirtschaftliche und technologische Entwicklung Chinas. Von der profunden Binnensicht des Autors in die beschriebenen Unternehmen profitiert der Leser zweifelsohne. Allerdings hat der Rezensent der Financial Times (Link) nicht Unrecht, wenn er schreibt, Tse’s Buch sei „too rosy“: Eine kritische Auseinandersetzung mit dem politischen System Chinas fehlt weitgehend.


Autor/-in:


Dr. Hans Bellstedt

ist Gründer und Geschäftsführender Gesellschafter der Hans Bellstedt Public Affairs GmbH. Bis Ende 2007 leitete er die 1999 von ihm gemeinsam mit Scholz & Friends gegründete Kommunikationsagentur Plato GmbH. Bellstedt war zuvor Mitarbeiter von Karl Lamers, MdB (1990-1991), Büroleiter von DIHT-Präsident Hans-Peter Stihl (1992-1995) sowie Referent für Vorstandspublikationen bei der ABB Asea Brown Boveri AG.