Lernende Maschinen, intelligente Roboter, Spracherkennung und Sprachverstehen – über kaum ein Thema wird derzeit so viel geschrieben und spekuliert wie die Künstliche Intelligenz (KI). Von allen „next big things“, die uns faszinieren, ist KI wohl „the biggest“. Aber worum geht es dabei genau – wie intelligent sind die neuen Maschinen wirklich?  Diese Fragen stellt Stanford-Ökonom Jerry Kaplan in seinem aktuellen Buch.

„Dies erinnert mich an…“ - Stanford-Ökonom Jerry Kaplan über die Ambivalenzen der Künstlichen Intelligenz

Eingangs erinnert Kaplan an die Ursprünge des Begriffes „KI“: John McCarthy, Assistenzprofessor für Mathematik am Dartmouth College in Hanover, New Hampshire (USA), wollte auf einer Konferenz im Sommer 1956 (!) gemeinsam mit drei weiteren Kollegen herausfinden, ob sich Maschinen erschaffen ließen, die „Sprache verwenden, Abstraktionen entwickeln, Probleme lösen und sich selbst verbessern“. McCarthy sah dies sehr positiv und ging davon aus, dass Computer über kurz oder lang in der Lage sein würden, immer mehr kognitive Fähigkeiten des Menschen nachzuvollziehen. Selbst wenn Computer keine eigene Intelligenz entwickeln würden, so könnten sie doch die Prozesse und Kapazitäten des menschlichen Hirns simulieren lernen – durch Aufnahme, Aggregation und Verarbeitung einer wachsenden Menge von Daten. Das daraufhin einsetzende, vom US-Verteidigungsministerium nicht unerheblich geförderte Rennen um die schlauesten Maschinen führte in den Folgejahren in unterschiedlichste Richtungen.

Künstliche neuronale Netze
Als ein vielversprechender Pfad kristallisierten sich dabei bald sogenannte künstliche neuronale Netzwerke heraus – Computerprogramme, die die Verknüpfungen, Windungen und die Informationsverarbeitung des menschlichen Gehirns nachbilden und über die Zeit die Fähigkeit entwickeln, ihnen präsentierte Objekte zu identifizieren, wiederzuerkennen, zueinander in Bezug zu setzen und voneinander zu unterscheiden. Dabei basiert diese Fähigkeit Kaplan zufolge weniger auf einem Verstehen im menschlichen, Materie durchdringenden Sinne. Künstliche neuronale Netze seien vielmehr der (man könnte hinzufügen: bloße) „Spiegel ihrer Erfahrung“. Ihre Kapazität erweitert sich demnach nicht durch eigenständiges Denken, sondern durch ein stetiges „Dies erinnert mich an…“. Kaplan überlässt an dieser Stelle dem Leser die „philosophische Frage“, ob die Fähigkeit des Menschen, kausale Zusammenhänge zu erkennen, höher zu bewerten sei als die beschriebenen maschinellen Fertigkeiten - er selber hält diese Unterscheidung für unerheblich.
Der eigentliche Schub für KI, so Kaplan weiter, sei durch die Fortschritte bei der Sensortechnik und mithin die Akkumulation von immer mehr maschinenlesbaren, über das Internet zugänglichen Daten ausgelöst worden. Gleichzeitig sei es die immer höhere Leistungskraft von Computern, die KI beflügele. Diese Kombination aus Sensorik und immer leistungsstärkeren Computern liege den aktuellen Ausprägungen von KI – autonomes Fahren, anpassungsfähige Roboter, sensorenbasierte Kassensysteme im Supermarkt – zugrunde. So versetzten umgebungsempfindliche Sensoren ein Auto in die Lage, auf sich verändernde Umfeldbedingungen zu reagieren und somit letztlich ohne Fahrer auszukommen. Tatsächlich vertreten KI-Experten heute die Auffassung, dass das Autofahren durch KI sicherer werde: Während der Mensch biologischen Schwankungen – etwa Konzentrationsschwächen – unterliege, tendiere die Fehlerhaftigkeit der programmierbaren Maschine durch kontinuierliches Lernen letztlich gegen Null. Ob das KI-gesteuerte, mit mehreren Kindern besetzte Auto aber auch weiss, wie es angesichts eines plötzlich die Straße überquerenden Rentners zu reagieren hat, kann auch Kaplan nicht beantworten. Auch er weiss um die geradezu faustische Ambivalenz, die KI innewohnt: So ist einerseits vorstellbar, zellartige Kleinstroboter zur Bekämpfung von Blutkrebs ins menschliche Immunsystem einzuspritzen. Andererseits sind Horrorvisionen über menschenfeindliche, sich jeglicher Kontrolle entziehende Roboterschwärme schon heute Legende.  

Nehmen Roboter uns die Arbeit weg?
Absehbar ist, dass KI unsere Arbeitsmärkte nicht unberührt lassen wird. Roboter übernehmen ganze Fertigungsprozesse, während Computer juristische Akten auslesen, Kreditwürdigkeitsprüfungen vornehmen oder Presseartikel durchkämmen. Meistgefährdet, so Kaplan, seien Tätigkeiten, die einfache Erkennungsfertigkeiten erforderten – Regale einräumen, Müll trennen, Fußböden reinigen. Auch Fahrer, Ticketkontrolleure und Kreditsachbearbeiter dürften sich ihrer Anstellung nicht mehr sicher sein. Hingegen bräuchten sich Ingenieure, Therapeuten, Krankenschwestern und überhaupt all jene, in deren Berufen es auf „intuitive Verbindung“ zu anderen Menschen ankomme, weniger Sorgen zu machen – vorausgesetzt, auch sie investierten in ihre digitale Weiterbildung.


Öffentliche Akzeptanz fehlt noch
Kaplans lesenswertes, wenngleich etwas trockenes Buch gelingt es, den aktuellen KI-„Hype“ auf Normalmaß abzukochen. Letztlich sei KI eine neue Stufe der Automation, die von der exponentiell ansteigenden Leistungsfähigkeit von Computern, Speichern und Netzwerken angetrieben werde. Kaplan beschreibt die Vorteile und Verheissungen, weiss aber auch um die noch eingeschränkte öffentliche Akzeptanz. Er rät daher dringend dazu, KI durch strenge technische Standards und staatliche Prüfverfahren bis hin zu Fahrtests für autonome Autos einzuhegen. Kaplans Vision sind „zivilisierte Roboter“, die in „ethisch akzeptabler Weise“ handelten. Ob die KI-Pioniere weltweit bei ihrer Suche nach der „new frontier“ diese Gewissensbremsen stets eingeschaltet haben, sei dahingestellt.


Autor/-in:


Dr. Hans Bellstedt

ist Gründer und Geschäftsführender Gesellschafter der Hans Bellstedt Public Affairs GmbH. Bis Ende 2007 leitete er die 1999 von ihm gemeinsam mit Scholz & Friends gegründete Kommunikationsagentur Plato GmbH. Bellstedt war zuvor Mitarbeiter von Karl Lamers, MdB (1990-1991), Büroleiter von DIHT-Präsident Hans-Peter Stihl (1992-1995) sowie Referent für Vorstandspublikationen bei der ABB Asea Brown Boveri AG.