Süßer die Tweets nie klingen als zur GroKo 3.0? Ob Spaß und Spott oder bitterer Ernst, die Relevanz von Twitter für das politische Geschehen hat in diesem Jahr nochmals zugenommen. – Da muss auch die Public Affairs Branche mitziehen und ihre Social Media Strategien entsprechend entwickeln.

Ohne Twitter geht es nicht! - Digitale Interessenvertretung in der 19. Legislaturperiode

280 Zeichen sagen mehr als 1000 Worte

In den 19. Deutschen Bundestag sind am 24. September über 480 Abgeordnete mit eigenem Twitter-Account eingezogen – ca. 7% mehr als in der letzten Legislaturperiode. Die Politiker nutzen ihre Kanäle nicht alle gleich, wenn auch die meisten versuchen, ihren Tweets eine persönliche Note zu geben. Und genau aus diesem Grund ist es unerlässlich für jeden Interessenvertreter, regelmäßig auf den Timelines seiner Stakeholder (Abgeordnete, Regierungsmitglieder etc.) vorbeizuschauen. So kann man viel über deren Agenda, Meinung, Neigung und Persönlichkeit erfahren. Twitter-Profi ist bspw. Peter Altmaier, der Chef des Bundeskanzleramtes. Trotz seiner hohen Position tweetet P. Altmaier in sehr persönlichem und sympathischen Stil in Deutsch, Englisch und Französisch. Auch Retweets und der Austausch mit der Followerschaft kommen nicht zu kurz. Sehr witzig und charmant auf Twitter unterwegs ist zudem die Parl. Staatssekretärin und seit neuestem stellv. CSU-Vorsitzende Dorothee Bär. Neben vielen Tweets und Retweets zur Unterstützung der eigenen Partei veröffentlicht sie gerne unkonventionelle und lustige Kommentare und Fotos. Negative Kommentare versteht sie als Herausforderung und hat kein Problem damit, auch einmal auf die Schippe genommen zu werden. Scrollt man jedoch bei ihrem Parteifreund und zukünftigen Ministerpräsidenten Markus Söder durch die Timeline, so hat man das Gefühl, der Wahlkampf für die Landtagswahl im Herbst 2018 sei schon in vollem Gange: Ein Veranstaltungsbesuch reiht sich an den nächsten, Gelder werden offiziell vergeben, und an Tweets zum Haushalt wird gerne ein Foto von Markus Söder an seinem Schreibtisch angehangen. Retweets findet man hingegen kaum. Ähnlich bei Martin Schulz: 99% seiner Timeline besteht aus eigenen Statements, Vorschlägen, Ideen oder Glückwünschen -  Retweets Fehlanzeige! Der Vorsitzende der SPD nutzt Twitter eher als Sprachrohr, aber nicht als Diskussionsplattform. Diese Art der Twitter-Nutzung lässt vermuten, dass das Team um diese Politiker deren Twitter-Kanäle betreut. Ein direkter Austausch mit den Politikern scheint so über Twitter kaum möglich. Trotzdem kann man aus den Tweets die Agenda und Ausrichtung der Politiker herauslesen und das Umfeld des Politikers erreichen.

Was heißt dies für die Public Affairs-Szene? Je nachdem, in welchem Ausmaß der jeweilige Politiker seinen Kanal bespielt, können Interessensvertreter diesen entweder als reine Informationsquelle nutzen oder versuchen, aktiv mit dem Politiker in einen Austausch zu treten, um ihm die eigenen Positionen nahezulegen. Twitter fungiert im Übrigen auch als Sensor und vermittelt, wie die Stimmung “draußen“ zu einem bestimmten Thema ist. Zwar bilden die Twitter-User nicht 1:1 die Gesellschaft ab, jedoch finden dort wichtige Diskussionen zwischen Politikern, Journalisten, Verbänden sowie Unternehmensvertretern statt. Diesen Diskussionen darf auch der Interessenvertreter nicht fernbleiben. Ob offline oder online: wo der Politiker unterwegs ist und wo die spannenden, relevanten Diskussionen verlaufen – dort sollte auch der PA-Akteur nicht fern sein!

Kontext, Kontext, Kontext

Aber der Politiker wird durch seine Twitter-Aktivitäten nicht nur menschlicher und nahbarer -er nutzt diesen Kanal auch geschickt zum politischen Kräftemessen. Besonders während der langwierigen Jamaika-Verhandlungen wurde Twitters Relevanz für das politische Geschehen wieder deutlich. Vor allem die kleinen Parteien (FDP und Grüne) gaben permanent Statements zur aktuellen Lage der Sondierungen auf Twitter ab. Einerseits, um den Wählern zu zeigen, dass die eigenen Standpunkte mit Nachdruck vertreten werden, andererseits, um Druck auf die übrigen Sondierer auszuüben. Dies muss bei der Analyse von Tweets berücksichtigt werden.

Auffällig ist: Die Spitzenvertreter der kleinen Parteien sind stärker auf Twitter vertreten als die der großen. Während sowohl Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) als auch Horst Seehofer (CSU) gar keine Twitter-Kanäle besitzen, kann das grüne Spitzenduo, bestehend aus Cem Özdemir und Kathrin Göring-Eckhardt,75.5 Tausend bzw. 113 Tausend Follower vorweisen. FDP-Chef Christian Lindners Twitter-Kanal folgen sogar 244 Tausend Personen. Dennoch ist die Macht von Twitter begrenzt. Wer am lautesten oder häufigsten tweetet, muss nicht unbedingt Recht haben oder am Überzeugendsten sein.

Fest steht jedoch, dass die meisten Politiker und ihre Parteien verstanden haben, dass sie auf Twitter präsent sein müssen. Social Media-affine Politiker wollen sich bürgernäher zeigen und Politik transparenter gestalten. Dies führt allerdings zu einer wahren Flut an Informationen, aus der die wichtigsten Inhalte geschickt heraus zu filtern sind. Hierzu muss der Interessenvertreter wissen, in welchem Kontext Tweets veröffentlicht wurden und welche Relevanz diese in der aktuellen Diskussion haben können.

Mut zum Tweet

Es ist demnach für eine moderne, effiziente Public Affairs Arbeit unverzichtbar, eine eigene, durchdachte Social Media Strategie zu verfolgen. So können die eigenen Positionen und Themen den Politikern auf verschiedenen Kommunikations-Kanälen übermittelt werden. Tweets, ergänzt durch Bilder, Kurzfilme und Animationen, können den PA-Themen eine Sichtbarkeit verschaffen, die sie vorher nicht hatten.

Durch das Aufbauen einer Followerschaft sucht man sich Verbündete im Netz und verschafft seinen Themen einen Resonanzraum. Relevante Inhalte, Argumente, Beispiele und Statements zu tagesaktuellen Geschehnissen ergeben ein kraftvolles Narrativ, welches den Followern und der Öffentlichkeit in Echtzeit zugänglich gemacht wird. Der Inhalt erreicht so innerhalb weniger Augenblicke eine größere Reichweite als bspw. eine auf der Website veröffentlichte Pressemitteilung. Mit der Followerschaft im Rücken kann man Politiker viel souveräner auf Twitter ansprechen und mit etwas Geschick diese letztlich sogar von den eigenen Positionen überzeugen. Dafür bedarf es jedoch einer sorgfältig geplanten Social-Media-Strategie, um das langfristige Interesse der Followerschaft aufrecht zu erhalten.

Nichtdestotrotz sollte man im Hinterkopf behalten, dass Twitter die eigenen Public Affairs- Aktivitäten in die Öffentlichkeit rückt, so dass diese dort möglicherweise auch öffentlich diskutiert werden könnten. Somit ist genau und sorgsam abzuwägen, welche Themen tatsächlich auf Twitter zu spielen sind. Manchmal ist es besser, sensible Themen über Positionspapiere oder im direkten Gespräch mit dem Abgeordneten zu adressieren. Generell sollte einen dies aber nicht davon abhalten, souverän im Netz seine Meinung zu vertreten und in den Austausch zu gehen. Wer nicht auf Twitter mitdiskutiert, muss damit leben, dass die eigene Position in der öffentlichen Diskussion eventuell nicht vorkommt. Unstrittig ist: Die Rolle von Social Media in der Politik wird sich in Zukunft noch weiter verstärken. Wer dieses Tool in der neuen Legislaturperiode nicht für seine Public Affairs Arbeit nutzt, verschenkt eine große Möglichkeit, Einfluss auf die politische Gestaltung zu nehmen.


Autor/-in:


Loretta von Plettenberg

ist als Project & Social Media Manager bei hbpa tätig. Sie ist insbesondere für die Social Media-Betreuung (Digital Public Affairs) verschiedener Mandanten sowie für das Issue- und Stakeholder-Management zuständig.

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28. Oktober 2016

Interessenvertretung und Social Media