Autor/-in:


Dr. Tobias Weiler

hbpa Kompetenzpartner für Life Sciences & Health Care

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    Die Digitalisierung des Gesundheitswesens ist eines der Schlüsselthemen im Koalitionsvertrag der Großen Koalition. Die Politik – allen voran Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) – hat erkannt, dass die Frage nach der künftigen Ausgestaltung der Gesundheitsversorgung eine Vielfalt an Potenzialen und Möglichkeiten mit sich bringt.  Aber wie sieht es mit der tatsächlichen Umsetzung geplanter Gesetzesinitiativen aus? Wo hakt es noch – und wie können neue Kooperationen im Gesundheitswesen digitale Lösungsansätze schneller in die Praxis integrieren? Dazu die Einschätzung von Dr. Tobias Weiler, hbpa-Kompetenzpartner für Life Sciences und Health Care:

    Digitale Gesundheit: „Disrupt yourself“ statt "Weiter so!"

    Im aktuellen Koalitionsvertrag der schwarz-roten Bundesregierung wird der Digitalisierung im Gesundheitswesen höchste Priorität gezollt: So soll die Telematikinfrastruktur  auch unter Einbeziehung der Pflege weiter ausgebaut und eine elektronische Patientenakte für alle Versicherten noch bis 2021 eingeführt werden. Zudem sollen neue Zulassungswege für digitale Anwendungen geschaffen, Interoperabilität hergestellt, Bürokratie in Diagnostik und Dokumentation abgebaut sowie die digitale Sicherheit im Gesundheitswesen gestärkt werden - ein ambitioniertes Programm!

    Mit seinem Entwurf eines Terminservice- und Versorgungsgesetzes (TSVG) will Gesundheitsminister Spahn nun wesentliche Elemente aus dem Koalitionsvertrag aufgreifen und damit unter anderem die bisher eher schleppend verlaufende Digitalisierung im deutschen Gesundheitswesen beschleunigen.

    Gewaltige Potenziale…  

    Der Mehrwert digitalisierter Gesundheitslösungen ist offensichtlich. Angesichts des demographischen Wandels und des Fachkräftemangels bieten digitalisierte Gesundheitslösungen Möglichkeiten, die stationäre und die häusliche Versorgung stärker zu verknüpfen und damit die Versorgungsqualität zu verbessern. Auch Pflegekräfte können entlastet werden. Die volkswirtschaftlichen Effekte sind beträchtlich. Bis zu 34 Mrd. EUR hätten 2018 eingespart werden können, wenn das deutsche Gesundheitswesen schon digitalisiert arbeiten würde, so eine aktuelle McKinsey-Studie.[1]

    Auch die moderne Gesundheitskommunikation hat Auswirkungen auf die Versorgungslandschaft: Patienten können ihre eigenen Gesundheitsdaten archivieren, teilweise auswerten und mit anderen teilen. Aber nicht nur zwischen den Nutzern solcher Netzwerke untereinander, sondern auch mit anderen Akteuren des Gesundheitssystems - wie Leistungserbringern oder Kostenträgern - erfolgt bereits heute ein Teil der Kommunikation auf Online-Plattformen.

    Dieser Trend wird sich weiter entwickeln und hat das Potenzial zu umfassenden Änderungen. So bieten Krankenkassen auch in interessanten Allianzen eigene Apps an, um dem gesteigerten Gesundheitsbewusstsein zu entsprechen und auch den politischen Prozess der Digitalisierung im Gesundheitsmarkt zu beschleunigen. [2]

    …aber noch kein Durchbruch!

    Obwohl bereits in 2005 die Gesellschaft für Telematikanwendungen der Gesundheitskarte mbH (www.gematik.de) mit dem Ziel gegründet wurde, die digitale Vernetzung im Gesundheitswesen aufzubauen, sind vorzeigbare Erfolge in der Tat bisher überschaubar geblieben.

    Gründe dafür sind sicherlich ein in Deutschland im Vergleich zu anderen Gesundheitssystemen hohes Leistungs- und Versorgungsniveau, was sich ohnehin Innovationsschüben gegenüber relativ resilient zeigt. Hinzu kommen generelle Datenschutzbedenken,  ein hoher Regulierungsgrad des Gesundheitssystems sowie ein administrativ geprägter  Ansatz der gematik, der den eher disruptiven bottom-up Ansätzen der IT-Welt diametral gegenüber steht. Die Zusammensetzung der Gesellschafter aus Leistungserbringern und Kostenträgern hat zudem die Entscheidungsprozesse nicht gerade erleichtert.

    Kritik kam zuletzt auch vom Bundesrechnungshof, der ebenfalls zu wenig Tempo bei der digitalen Vernetzung im Gesundheitswesen moniert und eine engere und umfassendere politische Begleitung einfordert: die elektronische Gesundheitskarte habe bislang „keinen konkreten Mehrwert für Leistungserbringer und Versicherte, da Online-Anwendungen noch nicht etabliert sind“.[3]

    Neue Partnerschaften erforderlich

    Auch für die Gesundheitswirtschaft muss in Zukunft gelten, dass eine Gestaltung digitalisierter Lösungen von etablierten Institutionen und neuen Anbietern wie innovativen, jungen Start-ups gemeinsam zu leisten ist. Von Krankenkassen und Startups entwickelte  digitale Lösungen für Patienten  werden sukzessive  in die ambulanten und stationären Versorgungsstrukturen des traditionellen Gesundheitsmarktes integriert werden müssen. Zu Recht schlägt Jens Spahn deshalb strukturelle Änderungen vor, nach denen der Bund seinen Einfluss auf die gematik-Gesellschaft verstärken und Entscheidungsprozesse beschleunigen will. Diese Änderungen sollen im TSVG unbedingt berücksichtigt werden. Die elektronische Gesundheitskarte kann lediglich eine Übergangslösung sein – dies lehrt auch ein kurzer Blick über die Grenzen:

    Gesamte Behandlungskette im Blick

    Andere Länder sind hier weiter. So wurden zum Beispiel in Österreich bereits 2005 mit der Einführung der E-Card die Voraussetzungen für eine flächendeckende elektronische Infrastruktur geschaffen. Dann haben unsere Nachbarn in 2013 mit dem Elektronischen Gesundheitsakte-Gesetz (ELGA) die Rechtsgrundlage für die Schaffung eines übergreifenden Informationssystems geschaffen, in dem Patientendaten gebündelt für die an einer Behandlung Beteiligten verfügbar gemacht werden. Über das Informationssystem können Patienten aber auch ihre eigenen Gesundheitsdaten einsehen und verwalten. In der Anwendung hat sich das Projekt als sehr erfolgreich erwiesen, da die Österreicher trotz eines möglichen „Opt-out“ in ihrer überwiegenden Mehrheit auf die Vorteile der elektronischen Gesundheitsakte nicht verzichten wollen. [4] In Dänemark wiederum steht die nationale Digital-Health-Strategie für den politischen Willen, digitale Reformen durchzusetzen, ohne eine Richtung für technische Details zu bestimmen.

    Disrupt yourself – auch im Gesundheitswesen!

    Beim noch vor der parlamentarischen Sommerpause zu verabschiedenden TSVG sowie bei weiteren politischen Initiativen muss Jens Spahn als digitalaffiner Minister jetzt seine Chancen nutzen und ein klares Zeichen setzen:  die Reform der gematik vorantreiben und eine produktive Zusammenarbeit zwischen etablierten Akteuren und neuen Playern weiterentwickeln, um das Potenzial digitaler Lösungen für die Patienten, aber auch für alle anderen Beteiligten im Gesundheitswesen nutzbar zu machen.

    Berlin, 14. Februar 2019

    Dr. Tobias Weiler ist Kompetenzpartner von hbpa für Life Sciences und Health Care

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    [1] Mc Kinsey-Studie: Digitalisierung im Gesundheitswesen: die Chancen für Deutschland, 2018

    [2] siehe u.a. www.vivy.com (gemeinsame Initiative privater und gesetzlicher Krankenkassen) oder die Initiative TK-Safe (Beta-Version) der Techniker Krankenkasse

    [3] Ärzte Zeitung online, 22.01.2019

    [4] siehe Roland Berger: Gesundheit 4.0, 2018