Sie gilt mittlerweile als eines der am weitesten verbreiteten Gesundheitsrisiken in unserer Gesellschaft – die Einsamkeit.  Während die Ernennung einer Ministerin für Einsamkeit in Großbritannien Anfang des Jahres 2018 international Wellen geschlagen hat, rückte das Thema kurz darauf mit dem Koalitionsvertrag zwischen Union und SPD auch auf die Agenda der Bundesregierung. Zuletzt identifizierte der „Global Risks Report 2019“ des World Economic Forums die Einsamkeit im Vorlauf zur Jahrestagung in Davos als hohen Risikofaktor in den westlichen Ländern. Je mehr sich aber die Politik diesem Trend zuwendet, desto mehr werden auch die Unternehmen sich mit der Frage befassen müssen, was Einsamkeit für ihre Mitarbeiter bedeutet und wie möglichen kritischen Folgen im betrieblichen Alltag begegnet werden muss. 

Individuell, dynamisch - abseits? Wie die Einsamkeit Politik und Wirtschaft beschäftigt

Es ist ein Thema, das Gesellschaft und Öffentlichkeit zunehmend bewegt – und zugleich doch so persönlich ist, dass politische Maßnahmen in diesem Bereich auf den ersten Blick schwer vorstellbar erscheinen: das Phänomen der Einsamkeit in der modernen Gesellschaft. Neuen wissenschaftlichen Untersuchungen zufolge (1) hat das Einsamkeitsempfinden schwerwiegende Auswirkungen auf die psychische und physische Gesundheit des Menschen – und entwickelt sich zu einem der größten gesundheitlichen Risiken in unserer heutigen Gesellschaft. Darauf hat auch die Bundesregierung reagiert und der Einsamkeit im Koalitionsvertrag von 2018 den Kampf angesagt: „Angesichts einer zunehmend individualisierten, mobilen und digitalen Gesellschaft, werden wir Strategien und Konzepte entwickeln, die Einsamkeit in allen Altersgruppen vorbeugen und bekämpfen“. Zu diesem Zweck wollen Bundestagsabgeordnete, allen voran der familienpolitische Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion Marcus Weinberg und der Gesundheitsexperte Karl Lauterbach (SPD), Angebote zur Förderung der gesellschaftlichen Teilhabe unterstützen. Aber auch die Privatwirtschaft könnte zukünftig in die Verantwortung gezogen werden.

Politische Maßnahmen gegen die Einsamkeit

Womit ist konkret zu rechnen, wenn das Thema Einsamkeit in das Bewusstsein politischer Entscheidungsträger vordringt? Zunächst lautet ein wichtiger Hinweis, dass die Einsamkeit nicht nur ältere Menschen, sondern alle Altersgruppen betrifft. Einsamkeit kann sowohl aufgrund von Isolation als auch durch das subjektive Empfinden, nicht die gewünschten sozialen Kontakte zu haben, entstehen.  So leiden häufig etwa junge Erwachsene, die eigentlich in der „Blüte ihres Lebens“ stehen sollten, unter Einsamkeit. Einen Grund dafür sieht die Bundesregierung im gesellschaftlichen Wandel hin zu einer digitalen Gesellschaft, in der Individualisierung und Mobilität gefordert werden, während Zusammenhalt und stabile Netzwerke zu bröckeln drohen. Auch diejenigen, die bei der täglichen Arbeit viel menschlichen Kontakt haben, können somit betroffen sein. Dies wiederum kann die Gesundheit so sehr belasten wie regelmäßiges Rauchen oder starkes Übergewicht und somit auch die Leistungsfähigkeit einschränken.

Hinsichtlich der Bekämpfung von Einsamkeit hat sich die Britische Regierung bis auf weiteres als Vorreiter in Europa positioniert: Blickt man über den Ärmelkanal, so findet man im dortigen Regierungskabinett eine eigens ernannte Ministerin für Einsamkeit (Minister of Loneliness) – eine Antwort nicht zuletzt auf die Kampagne der im Juni 2016 ermordeten Labour-Abgeordneten Jo Cox, die sich lange für mehr politisches Engagement gegen die Einsamkeit eingesetzt hatte.  Eine im Herbst 2018 veröffentlichte Einsamkeitsstrategie (Strategy for tackling loneliness) soll als Fahrplan für die Schaffung von Rahmenbedingungen zur Bekämpfung der Einsamkeit dienen. Das bedeutet neben der Errichtung neuer Anlaufstellen in den Regionen nicht zuletzt auch die konkrete Ansprache von Unternehmen. Von diesen wird – wenn auch nicht verpflichtend - erwartet, die Verminderung der Einsamkeit, speziell unter ihren Angestellten, mit eigenen Maßnahmen zu unterstützen. Große Arbeitgeber wie Sainsbury’s, das Britische Rote Kreuz oder Aviva haben bereits einen „employers pledge“ unterzeichnet, um u.a. Arbeitnehmern Netzwerke zu bieten, über die sie sich austauschen und in denen sie Hilfe suchen können - ein Modell, welches auch deutsche Unternehmen näher in den Blick nehmen sollten.

Die Bundesregierung selbst hat noch keine konkreten Maßnahmen zur Umsetzung ihrer Ziele genannt. Der familienpolitische Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Marcus Weinberg (2), möchte einen gesamtgesellschaftlichen Einsatz zur Steigerung der Teilhabe in der Gesellschaft sehen, Angebote bündeln und neue Konzepte entwickeln. Zuletzt hat zudem das Bundesministerium für Bildung und Forschung einen Verbund aus Hochschul- und Forschungsinstituten gebildet, um ein „Institut für gesellschaftlichen Zusammenhalt“ (3) aufzubauen. Dieses soll sich auch mit dem Thema Einsamkeit auseinandersetzen. Einsamkeit, so die Überzeugung der beteiligten Forscher, habe Folgewirkungen, und deswegen gehöre sie auf die politische Agenda. Karl Lauterbach (4), stellvertretender Vorsitzender der SPD-Bundestagsfraktion, setzt sich darüber hinaus für den Einsatz eines „Einsamkeitsbeauftragten“ beim Bundesgesundheitsministerium ein. Und auch die Landespolitik beschäftigt das Thema. Anfang dieses Jahres stellte die CDU-Landtagsfraktion in Brandenburg eine Große Anfrage an die rot-rote Landesregierung, um sich nach geplanten Maßnahmen hinsichtlich der Einsamkeitsproblematik in allen Altersgruppen zu erkundigen. Zudem bittet die Fraktion  um Statistiken zur Anzahl der Single-Haushalte und zur Häufigkeit von Wohnortwechseln sowie um Informationen über Spätfolgen von Einsamkeit und deren Zusammenhang mit Suchtverhalten.

Einsamkeit und unternehmerisches Engagement

Während Bundes- und Landespolitik sich dem Thema also annähern, ist das Ausmaß, in dem Unternehmen in Deutschland zur Eindämmung von Einsamkeit zukünftig in die Pflicht genommen werden könnten, noch ungewiss. Dabei sollte die Privatwirtschaft das Thema auf keinen Fall unterschätzen. Darauf deutet auch die prominente Platzierung der Problematik im „Global Risks Report 2019“ des World Economic Forums im Vorlauf zur Jahrestagung in Davos hin. In einem vorausschauenden Ansatz sollten die Unternehmen sich daher mit dem Thema Einsamkeit– etwa als Teil des betrieblichen Gesundheitsmanagements – befassen. Denkbar sind Angebote, die zur Stärkung der psychologischen und seelischen Verfasstheit von Mitarbeitern beitragen, die sich infolge des rapiden Wandels hin zur digitalisierten Gesellschaft einsam fühlen. Damit würde zugleich eine Entwicklung unterstützt, die darauf abzielt, Problematiken rund um die psychische Gesundheit zu enttabuisieren. In Davos rief zuletzt Prinz William vor Vertretern führender Unternehmen zu mehr Offenheit im Umgang mit Fragen der psychischen Gesundheit auf.  Und auf demselben Panel hob die neuseeländische Premierministerin Jacinda Ardern darüber hinaus die negativen Auswirkungen unerkannter und unbehandelter psychischer Leiden auf die Produktivität in der Gesellschaft hervor. Ähnlich wie in Großbritannien, wo „Wellbeing-Apps“ für Mitarbeiter angeboten werden, könnten Maßnahmen gegen die Einsamkeit von Unternehmen in bereits existierende Aktivitäten zur Gesundheitsförderung eingebunden werden, um den Herausforderungen einer sich wandelnden, zugleich digitalen, mobilen und individualisierten Gesellschaft proaktiv zu begegnen.

Berlin, 29. Januar 2019

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(1) - Holt-Lundstadt, J. et.al. (2015). Loneliness and Social Isolation as Risk Factors for Mortality: A Meta-Analytic Review. Perspectives on Psychological Science, 10(2), 227-237.)

Hakulinen, C. et. Al. (2018). Social isolation and loneliness as risk factors for myocardial infarction, stroke and mortality: UK Biobank cohort study of 479 054 men and women. BMJ Journal.

Spitzer, M. (2018). Einsamkeit - die unerkannte Krankheit. Schmerzhaft, ansteckend, tödlich. München: Verlagsgruppe Droemer Knaur.

(2) Das Erste (20.03.2018): Einsamkeit: Familienpolitiker Weinberg für staatliche Angebote.

(3) BMBF (2018) Pressemitteilung: 093/2018

(4) Zm online (2018) Lauterbach fordert Einsamkeitsbeauftragten im BMG.