Die erste Phase der Digitalisierung mit dem Schwerpunkt auf Social Media und Online-Handel ist weitgehend ohne Deutschland abgelaufen. Mit der Vernetzung der Industrie und dem Sprung in die Datenökonomie wendet sich das Blatt. Aber die Rahmenbedingungen müssen auch stimmen.

Deutschland auf dem Weg in die Datenökonomie – welche Weichen müssen jetzt gestellt werden?

Die Corona-Krise hält uns alle aktuell in Atem. Viele von uns sitzen dieser Tage allein im voll vernetzen Home-Office. Die Kommunikation nach außen - sie läuft weitestgehend reibungslos weiter, der Digitalisierung sei Dank. Tatsächlich ist diese – ganz unabhängig von Covid-19 - längst in die letzten Winkel unseres Lebens vorgedrungen. Namen, Geburtstage, Einkaufsverhalten und sogar Informationen darüber, wie wir unsere Wohnzimmer an kalten Wintertagen heizen, sind plötzlich ein wertvolles Gut auf den Märkten der Welt geworden. Sogenannte „Smart Meters“ lesen beispielsweise Heizdaten ab. Nach der Sammlung werden diese dann gespeichert, verarbeitet und analysiert. Diese Informationen bilden für Betreiber von Stadtwerken einen erheblichen Mehrwert. Daten werden zunehmend kommerziell genutzt - willkommen in der Datenökonomie. Schätzungen zu Folge hält diese allein für Deutschland bis 2025 ein Wertschöpfungspotential von 425 Milliarden Euro bereit. Im gleichen Zeitraum sollen es für Europa sogar 1,25 Billionen Euro sein. Doch wo genau steht unser Land in der Datenökonomie?

In den vergangenen zwei Jahrzehnten befand sich Deutschland im digitalen Tiefschlaf. Während der ersten Digitalisierungsphase, der Digitalisierung der Consumer-Branche, spielten wir kaum eine Rolle. Mit der Vernetzung der industriellen Basis ergibt sich nun aber eine neue Chance. Bereits jetzt befinden sich große Teile der Industrie in der digitalen Transformation. Mit dem „Internet of Things“ (IoT) werden Maschinen zunehmend vernetzt. Roboter und Sensoren kontrollieren die Fertigungsprozesse. Mittels dieser Vorgänge werden massive Datenmengen erhoben. Nun gilt es, die daraus resultierenden Potentiale auch bestmöglich auszuschöpfen. Welche Weichen müssen wir dafür stellen?

  • Im Oktober 2019 stellte Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) das Super-Projekt „Gaia-X“ vor: Deutschlands Schritt in die digitale Souveränität soll auch zu mehr Unabhängigkeit von US-amerikanischen und chinesischen Cloud-Computing-Anbietern führen. Beabsichtigt ist der Aufbau einer Dateninfrastruktur, die EU-Standards unterliegt. Bei der Vorstellung des Projektes konnte Altmaier auf prominente Unterstützer setzen:  Deutsche Telekom, Robert Bosch und Siemens zählen unter anderem dazu. Und noch in diesem Jahr sollen erste Bereiche des Daten-Ökosystems umgesetzt werden. Jetzt gilt es vor allem, kleine und mittlere Unternehmen (KMU) zur Nutzung von Cloud-Computing zu motivieren. Dies scheitert oft noch an mangelndem Vertrauen in und Kenntnissen über Cloud-Services. Damit die Datenökonomie und das IoT sich auch in den KMU durchsetzen können, muss der Staat weitreichende Maßnahmen ergreifen: vom Ausbau der digitalen Infrastruktur bis hin zu Weiter- und Fortbildungsmaßnahmen für Führungskräfte und Arbeitnehmer. 
  • Setzt sich das Projekt Gaia-X durch, ist davon auszugehen, dass neue Geschäftsmodelle entwickelt und bereits bestehende sich verändern werden. Damit einhergehende Dienstleistungen, Transaktionen und Wettbewerbssituationen werfen jedoch neue Fragen auf. Schnelle Anpassungen und auch Weiterentwicklungen sind vor allem im Bereich Wettbewerb und Regulierung geboten. Beispiel Zugangsregulierung: Im Bereich E-Commerce und bei den sozialen Netzwerken sind einstige, vor allem US-amerikanische Startups längst zu milliardenschweren Großkonzernen herangewachsen. Ihnen ist es gelungen, Monopolstellungen am Markt aufzubauen und in kürzester Zeit gewaltige Mengen an Daten anzusammeln - pures Gold. Anbieter wie beispielsweise Facebook und Amazon dominieren ihre Märkte nahezu unangefochten. Die so entstandenen Monopole oder Oligopole blockieren faktisch den Marktzugang neuer Mitbewerber. Hier brauchen wir Korrekturen im Wettbewerbsrecht, um auch jungen Unternehmen einen fairen Marktzugang zu eröffnen.
  • Außerdem drängen sich Fragen zum Eigentum an Daten auf. Wem gehören diese? Die von der Großen Koalition eingesetzte Datenethikkommission rät von einer Anerkennung als klassisches „Eigentum“ ab. In diesem Falle laufe man Gefahr, dass es zu einer Kommerzialisierung der Privatsphäre komme, indem Bürger ihre Daten – darunter auch Gesundheitsdaten - „verkaufen“. Tatsächlich haben Daten einen immensen wirtschaftlichen Wert. So bezahlte der Facebook-Konzern schon 2014 19 Milliarden Dollar für die Übernahme des Messengerdienstes Whatsapp. Für mehr Transparenz und Sicherheit am Markt braucht es Bewertungsmaßstäbe für den Wert von Daten.
  • Cyber-Angriffe, wie zuletzt auf das Außenministerium von Österreich oder im Falle des Kammergerichts in Berlin, machen deutlich, dass die Datenökonomie nur dann florieren kann, wenn sie auf einer sicheren Dateninfrastruktur basiert. Doch gerade hier gibt es noch massiven Handlungsbedarf. Bisher fehlen verpflichtende internationale Sicherheitsstandards für Soft- und Hardware. Und auch vor staatlichen Zugriffen auf Datenbestände, zum Beispiel durch den sogenannten Staatstrojaner oder heimlich verbaute „Backdoors“, sind Nutzer und Anbieter nicht ausreichend geschützt.

Die aufgeführten Beispiele digitaler Baustellen legen nahe: Es muss schnell und gezielt gehandelt werden. Innovative Geschäftsmodelle und Start-ups müssen unterstützt, digitale Infrastrukturen ausgebaut und eine „Digitale Souveränität“ etabliert werden, die mit der Datenschutzgrundverordnung (DSGVo) in Einklang steht. Und wir müssen die mittelständischen Unternehmen jetzt zum Sprung in die Datenökonomie bewegen. Der weit überwiegende Anteil aller deutschen Unternehmen sind KMU. Wir stehen vor einem strukturellen Wandel, der die traditionelle Wirtschaftslandschaft in Deutschland maßgeblich verändern wird. Umso wichtiger ist, dass der Staat nun die notwendigen Rahmenbedingungen schafft, um Bürger und Unternehmer auf dem Weg ins Datenzeitalter zu unterstützen.

Aber auch die Unternehmen selbst können und müssen ihren Beitrag leisten. Durch sichere und verbraucherfreundliche Anwendungen kann das Vertrauen der Bürger gestärkt werden. Weiterbildungen des Personals können dabei helfen, Unternehmen intern auf neue, digitale Abläufe vorzubereiten. Und Investitionen in moderne Technikausstattung kann die Teilhabe an neuen wirtschaftlichen Potentialen bewirken. Deutschland steht vor einer großen gesamtgesellschaftlichen Herausforderung, deren Bewältigung nur mit kreativen Ideen und mutigen Taten erfolgen kann. Corona zum Trotz: Wir müssen noch heute beginnen.